Der Igel 

Unmöglich kann man dieß Geschöpf ohn einige Bewundrung sehn, Als dessen sonderlicher Körper, zumalen wie er eingekleidet,Von allen uns bekannten Thieren verwunderlich sich unterscheidet. Man sieht auf seiner ganzen Haut, anstatt der Haare, Hörner stehn, Die ihn auf eine Weise schützen und so für allen Anfall decken, Daß es nur seltene Gefahren, die ihm bedrohen und ihn schrecken.

Zusammengerollter Stachelgast

Es wird, in dieses Thierchens Bildung, ein recht absichtlicher Verstand, Ein richtig überlegter Endzweck,vor vielen andern noch erkannt. Der ungezählten harten, starren und sonderbaren Stacheln Spitzen, Die zur Erhaltung ihm so nöthig, und die ihn rings umgeben, sitzen In seiner Haut so ordentlich, und so beweglich eingesenkt, Daß er dieselbe, nach Gefallen, erhebt, sie durch einander schrenkt, Verbreitet, spreizt und von sich strecket, auch schnell sie wieder niederleget, Und sie, dem Schein nach sonder Ordnung, dennoch ganz ordentlich beweget. Er richtet aus sich selber gleichsam lebend’ge Palisaden auf; Er macht sich selbst zum Spanschenreuter; er pflanzet einen Zaun von Dornen

Igelnachwuchs: Zusammengerolltes Igelbaby im dunklen Garten

Im Augenblick um sich herum; er ist von hinten und von vornen In seiner scharfen Schanze sicher, und er verlässet sich darauf. Droht ihm von außen wo ein Feind, Thier oder Mensch, ihn anzufallen,Verändert er gleich seine Form und wird zu einem runden Ballen.

Das, so an ihm verletzbar ist, den Kopf, die Füße, zieht er ein, Und dadurch wird er unerkannt, ja, auch erkannt doch sicher seyn.Was fast noch stärker zu bewundern, so braucht er diese seine Waffen,Um, ohne Hände, doch zu sammeln und sich die Nahrung zu verschaffen.

Liebgewonner jahrelanger Gast im Garten, der Erinaceus europaeus, genannt Igel, der bis zu 7 jahren alt werden kann. Ein ausgewachsener Igel besitzt übrigens zwischen 6.000 und 8.000 Stacheln. Der Einzelgänger hat sein festes Territorium.

Wo abgefallne Früchte liegen, da welzt er sich; ein’ jede SpitzIst dann, dieselben zu bekommen, so gut, als eine Hand, ihm nütz.Der Stachel dringet in die Frucht,Die Frucht bleibt auf derselben feste. Da wandert er, mit reicher Beute beladen, bald nach seinem Neste.Uns wird von diesem kleinen Thier auch mancher Vortheil noch gewehrt,Indem es Mäuse, Frösche, Kröten, und mancherley Gewürm verzehrt.

Sie wissen sich wohl zu verbergen, so daß man sie nicht leicht erkennet. Man findet zahm und wilde Igel, auch ist die Gattung zweyerley,Von welchem man die eine Säu die andern Hundes-Igel nennet.

Es nützet uns dieß kleine Thier besonders in der Arzeney,Indem die Galle, nebst der Leber, der Koth, die Milz, das Fett, das Blut, Zusammt des Magens innerm Häutlein oft ganz besondre Wirkung thut. Zumalen soll von einem Igel die Asche, wenn wir ihn verbrennen, Ein kräftig Mittel seyn für die, so den Urin nicht halten können. Es ist demnach auch dieses Thier, sowohl als alle andre, werth, Daß man in ihm auch einen Schöpfer erkennt, und selbigen verehrt.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)